Fahrt zum Auswärtsspiel

von Sir Gerhard

Seit langer Zeit trage ich mich mit dem Gedanken einmal aufzuzeigen, was man erlebt, wenn man als blinder Fußballfan von Bayer 04 Leverkusen sich von Köln aus auf die Reise macht, um seinen Verein beim Auswärtsspiel zu bewundern. Es handelt sich um ein fiktives Spiel, jedoch beruhen die Ereignisse auf Tatsachen.

Die Termine werden von der DFL einige Wochen vorher herausgegeben und so kann ich erst Karten bestellen, wenn feststeht, an welchem Tag das Spiel stattfindet. Glück gehabt, das Spiel ist auf Samstag, 15.30 Uhr, terminiert. Jetzt brauche ich nur noch einen Begleiter. Ich bin Besitzer eine Bahncard First und mein Kundenbetreuer im Reisebüro ist tiefverwurzelter Fan des 1.FC Köln, mir aber wohlgesonnen. Wir fachsimpeln ein bisschen und ich gehe um einiges von meinem Geld erleichtert von dannen. Ein Begleiter ist nicht zu finden, keiner hat Zeit oder Lust, am Zielort wohnt ein Bekannter der mich abholt und wieder zum Zug bringt. Das ist insofern kein Problem, denn ich fahre ohne Umstieg hin und her und ein Zug fährt (noch) ohne Mithilfe der Fahrgäste.

Der Tag beginnt damit, dass ich mich beim Ankleiden durch das Vereinslied von Bayer in Stimmung bringen lasse. Da wir ein hellhöriges Haus bewohnen, kommt meine Nachbarschaft um ca. 6.00 Uhr in den Genuss dieses Liedes. Protest ist sinnlos, denn im Refrain heißt es u.a.: „egal wie laut die Kölner schreien, der Bayer bleibt die Macht am Rhein“. Wenn man bedenkt, dass ich in der Metropole des 1.FC Köln (Hürth) wohne, Fan von Leverkusen bin, kann man sich vorstellen, dass die Nachbarn auf eine harte Bewährungsprobe gestellt werden. Aber ich muss mir ständig das heimatbesoffene Liedgut anhören und so sprach ich zu mir: „Mein ist die Rache“. Es soll Verfechter der Gedankenübertragung geben. Die kommen jetzt zu ihrem Recht, denn im Laufe der nächsten Tage werde ich bei Niederlagen stehts auf das Ergebnis angesprochen und natürlich bekomme ich mit musikalischer Untermalung gesagt, dass der Pillenclub zu nichts taugt.

Der Bus kommt pünktlich. Ich steige lässig mit meiner offenen Lederjacke ein, das Sweatshirt mit Bayeraufdruck ist sichtbar und das eröffnet mir den ersten Kontakt zu einem Fahrgast, der mich in ein Fachgespräch verwickelt, in dem er mir begreiflich machen will, dass die Fahrt sich nicht lohnt, da wir ja sowieso zu blöd sind. Warum, wir sind dreckige Pillendreher und da kann ja nichts gut gehen. Um zum Kölner Hauptbahnhof zu kommen muss ich in die Straßenbahn umsteigen. In der Bahn bekomme ich zunächst keinen Platz. Ich bemerke, dass auf einem Sitz eine Tasche abgestellt ist. Freundlich bitte ich den Besitzer die Tasche herunterzunehmen, da dies ein Sitz- und kein Stellplatz ist. Ich soll bald erfahren, warum niemand dort sitzen will. Mir steigt der Geruch von Urin und ungewaschenen Kleidern in die Nase. Angewidert stehe ich auf und beschließe, den Rest der Fahrt stehend zurückzulegen. Am Neumarkt steige ich aus und kaufe mir (weil es in der dortigen Bäckerei die besten Sachen gibt) einiges an Reiseproviant. An der Theke neben mir, beschwert sich jemand dass es penetrant nach Davidoff stinkt. Puh, meine Marke, der hätte mal in der Straßenbahn sitzen sollen. Glücklicherweise wird der Zug in Köln eingesetzt und ich finde in der ersten Klasse einen freien Platz. Im selben Wagen sitzen einige gut gelaunte Herren, die offensichtlich aus dem selben Grund die Reise antreten. Nach einer knappen Stunde geht einer von den Herrschaften durch den Wagen, bleibt unvermittelt vor mir stehen und sagt nach einer halben Minute anstarrens entgeistert „MOIN“. Ein Mitarbeiter vom Service kommt vorbei und fragt nach Wünschen der Fahrgäste. Ich bitte ihn, mir einen Kaffee zu bringen, da man in der ersten Wagenklasse am Platz bedient wird. Nach einer halben Minute steht ein Kontrolleur neben mir und fragt barsch nach der Fahrkarte. Ich gebe sie ihm, im gleichen Ton wird nach der Bahncard gefragt. Gut, auch die soll er sehen. Mein Kaffee lässt allerdings auf sich warten. Nach 30 Minuten erlaube ich mir, den Mitarbeiter, der inzwischen neueingestiegene Fahrgäste vorgezogen hat, zu fragen, was ich denn tun müsste, um meinen Kaffee nun endlich zu erhalten. Er entschuldigt sich und bringt das Verlangte.

Mein Begleiter holt mich am Zug ab, durch mein sprechendes Mobiltelefon, das zur Erheiterung der Umsitzenden beigetragen hat, konnte ich die Wagennummer durchgeben. Wir geraten in eine Horde der ortsansässigen Fans. Eine Rolltreppe führt uns zum S-Bahnsteig hinauf. Einer ruft laut: „Den blinden Mann da, den kenne ich aus dem Internet, das ist ein Leverkusenschwein, dem hauen wir auf die Fresse“. Wir gehen den Bahnsteig entlang auf die Polizei zu und beschließen, die nächste Bahn zu nehmen. Am Stadion steigt die selbe Horde im hinteren Wagen mit aus und droht damit die Ankündigung umzusetzen. Glücklicherweise kommt es nicht dazu. Bei der Vorkontrolle werde ich abgetastet. Der ausländisch aussehende und leider auch sprechende Herr sagt etwas zu mir, was ich nicht verstehe. Er wiederholt die Aufforderung, die ich immer noch nicht verstehe. Es sind arabische Worte. Da ich 8 Jahre als Verwaltungsbeamter in der Einbürgerung gesessen habe, kann ich dies gut zuordnen. Ich verliere die Geduld und sage ihm, dass er es in der deutschen Sprache versuchen solle, dann können wir gut miteinander auskommen. Es geht um den Blindenstock. Die hinter mir angewachsene Schlange bemerkt dies und die Situation wird hitzig. Der Ordner bekommt offensichtlich Angst und fordert mich auf weiterzugehen. Beim Einlass müssen wir feststellen, dass wir mit der „EINE Karte für zwei Personen“ mit dem Drehkreuz so die Schwierigkeiten haben könnten. Der Ordner teilt uns jedoch mit, dass die Karte extra für zwei Personen aufgeladen ist und wir problemlos das Stadion betreten können. Mein Begleiter verliert die Konzentration und geht als erster durch. Es kommt wie es kommen muss, ich stehe draußen, er drin und die tolle Karte war nur für einen. Der Ordner sagt wieder, kein Problem, wir deaktivieren das System und Sie kriechen unter dem Kreuz her. Mache ich auch und löse bei dem deaktivierten System Stadionalarm aus. Nun haben wir 50 Ordner am Hals, eine Karte für 2 und viel ärger, weil die streitbaren Heimfans mit ihrem sechsten Sinn mich als Leverkusener erkennen. Da wir an der Heimkurve stehen, kriegt die Sache den richtigen Touch. Glücklicherweise klärt es sich auf. Wir bekommen von den Ordnern mehrstimmig erklärt: Wir waren am Eingang „Süd/Ost“., hätten aber nach Nord/Ost gemusst. Also außerhalb von „Süd/Ost“ nach „Nord/Ost“ und dann innen von „Nord/Ost“ nach „Süd/Ost“. Wir müssen warten und uns das anhören, weil das 10 Minuten vor Anpfiff sehr wichtig ist. Leverkusen verliert 0/1, schöne Scheiße. Mein Begleiter kennt einen Weg zum Hintereingang des Bahnhof, den wir zu Fuß erreichen können. Damit umgehen wir das Gedränge an der Haltestelle. Leider kennen die Hoolligans beider Mannschaften auch diesen Weg. Wir gehen auf dem Bürgersteig. Auf gleicher Höhe mit uns stoßen die Hooligans aufeinander. Wir laufen; nicht um unser Leben aber um unsere Unversehrtheit. Am Hintereingang angekommen, stehen sich beide Fangruppen gegenüber und liefern sich eine aggressive Gesangsschlacht.  Wir werden von einer Polizistin barsch gefragt, warum wir diesen Weg genommen haben und ob wir an der Schlägerei beteiligt waren (blöde Kuh / blöde Frage). Da ich als Leverkusenfan zu identifizieren bin, werden wir in die Gruppe geleitet, die mit dem Sonderzug die Heimfahrt antritt. Durch eine verbale Glanzleistung meines Begleiters und die ICE-Karte darf ich aus der Gruppe treten und dem hiesigen Einsatzleiter mein Anliegen vortragen. Ich erhalte die ausdrückliche Erlaubnis, mich von der Gruppe zu entfernen und den Bahnhof zu betreten, um mit dem gewünschten ICE zu fahren. Als wir durch den Hintereingang gehen wollen, werde ich an den Haaren heruntergerissen. Eine Glasflasche fliegt über meinen Kopf hinweg, prallt gegen die Wand und geht in Scherben. Einige schnelle Schritte und es ist geschafft. Die Rückfahrt im Zug verläuft ruhig, bis an einem Haltepunkt mich jemand aus dem Halbschlaf reißt, auf die Schulter schlägt und mir ins Ohr schreit „Du Wixer“! In Köln angekommen steht Herr Holzhäuser hinter mir und geht neben mir die Treppe herunter. Unten angekommen wünscht er mir einen guten Heimweg. Ich antworte bis zum Nächsten mal und bitte mit einem besseren Ergebnis. Er lacht und entfernt sich. An der KVB-Haltestelle werde ich von einem stinkenden, betrunkenen Herrn um meine Behinderung beneidet, denn ich habe es ja gut, ich muss das Elend der Welt nicht sehen, recht hat der Mann, denn SEHEN muss ich es nicht.

Als ich nach 2 Wochen wieder das Reisebüro meines Vertrauens betrete, um die nächste Fahrt vorzubereiten, werde ich von meinem Kundenbetreuer gebeten, zunächst einmal die Rechnung meiner letzten Fahrt zu begleichen. Was war Passiert? Vor lauter Kabbelei hat er vergessen, den Betrag einzuziehen. Unterschreiben brauchte ich bis Dato nicht, da seiner Meinung nach die Bankangestellten alle blind sind  und so viel es mir auch nicht auf. Selbstbewusst wie die Kölner sind versuchte er, mich anhand meines Nachnamens im Kölner Telefonbuch ausfindig zu machen, geriet aber an ein Urgestein des FC. Leider fragte mein Spannmann ob ein blinder Fan von Bayer am Telefon sei, voller Entrüstung gab dieser zur Antwort, dass er das Geschäft abbrennen würde, sollte  er (Du Arschloch) noch einmal anrufen. Da hat er sich nicht mehr getraut, den Nächsten nach mir zu fragen, denn das Abendbrot holt jeden Heim.

Sir Gerhard

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