Startseite > Unterwegs > Unterwegs

Gelebte Inklusion im Fanbus von Köln nach Freiburg

von Nina Schweppe

Es ist der Oster Samstag 2015, 06:15. Regina und ich fahren mit dem Taxi am RheinEnergieStadion vor. Der Bus der Firma Schiller aus Hürth, der mit dem Logo des Fanprojektes, steht schon bereit. Die ehrenamtlichen Helfer des Fanprojektes sind schon dabei, die Getränke einzuladen, die während der Fahrt zu günstigen Preisen verkauft werden.

„Ach!“ sagt ein Mann von der Security-Firma, deren Mitarbeiter regelmäßig die Busse begleitet, „ihr seid ja auch wieder dabei.“ Schön, wenn man wieder erkannt wird.

Im Gegensatz zu den Busfahrten vieler Fanclubs laufen die Fahrten, die das Fanprojekt organisiert, sehr ruhig und diszipliniert ab. Da sich das Fanprojekt auch die Arbeit für und mit Menschen mit Behinderungen auf die Fahnen geschrieben hat, hatten wir von Anfang an wenig Probleme, in Bus oder Zug mit zu fahren. Auch das Fanprojekt sah Kaum Schwierigkeiten, uns mit zu nehmen. Wir sind in die Fanorganisation eingetreten, weil wir uns immer aufgehoben und gut unterstützt gefühlt haben. Durch unsere Mitgliedschaft wollen wir und dafür erkenntlich zeigen.

Am Bus finden sich Grüppchen, die zusammen sitzen wollen. Wir warten auf unseren Kumpel Bernd, den wir 2 Saisons vorher im Entlastungszug auf dem Rückweg von Paderborn nach Köln kennen gelernt haben. Seit dem treffen wir uns regelmäßig im Umfeld von Stadionbesuchen und verabreden uns ein ums andere Mal, um Fahrten zusammen zu machen. Er hat heute seinen 13jährigen Sohn dabei.

Es regnet und wir steigen schon mal ein. Weil Bernd noch nicht da ist, versichert der Helfer vom Fanprojekt, dass er darauf achten wird, dass neben oder hinter uns Plätze frei bleiben.

Bernd kommt kurz vor Abfahrt mit heißem Kaffee, was bei dem Mistwetter draußen mehr als vernünftig ist. Er gibt bekannt, dass er erst ab 08:00 Uhr anfangen wird, Bier zu trinken. Es sei denn, Helene Fischer würde vorher singen.

Über den Lautsprecher klingt zunächst das, was gemein hin als Karnevalsmusik bezeichnet wird und die Stimmung im Bus ist trotz der frühen Stunde gleich hervorragend. Regina und ich sinnieren, ob uns das Bier zu so einer frühen Stunde schon schmecken würde und sind erleichtert, dass zunächst nur Höhner, Räuber u.ä. gespielt werden.

Um 07:30 Kommt es: „Atemlos“ ertönt. „Hast Du das bestellt?“ fragt Bernt mich erschüttert. Ich muss lachen und verneine, denn ich habe wirklich nichts damit zu tun. Wir fügen uns in das unvermeidliche und nehmen von Bernd das erste Bierchen des Tages entgegen. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber es rutsch schon.

Wir fahren den ganzen Vormittag durch Regen und streckenweise sogar auch Schnee. Wirklich kein Wetter, das zum Stadionbesuch einlädt. Aber der Sportclub Freiburg hat nun einmal als letzter Erstligist im Herbst des vergangenen Jahres seine Blindenplätze im Betrieb genommen und wir möchten das Auswärtsspiel des 1. FC Köln nutzen, um das dortige Angebot auszuprobieren.

Als wir gegen 13:30 am Stadion ankommen, regnet es noch immer. Bernd geht mit seinem Sohn auf die Stehplätze, während wir uns auf den Weg zu den Blindenplätzen machen.

Uns nimmt Jürgen in Empfang, den wir schon seit langer Zeit kennen. Damals, Mitte der 90iger Jahre, hatten wir uns kennen gelernt, als wir einen Begleiter für das Dreisamstadion, wie es damals noch hieß, suchten. Die Spiele in Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart oder Hoffenheim sind für uns immer wieder willkommene Anlässe, um uns wieder zu sehen. Vor dem Spiel haben wir dieses Mal zum Glück viel Zeit, um in Ruhe gemeinsam etwas zu essen und uns zu unterhalten.

An unserem Block angekommen finden wir leicht unsere Plätze. Die Reporter kommen und teilen die Empfänger und Kopfhörer aus. Wir hören in den kommenden 90 Minuten eine gute Blindenreportage, der man noch anmerkt, dass es den Reportern ein Wenig an Erfahrung fehlt. Das Engagement und die Tatsache, dass nun auch der Sportclub Freiburg Plätze mit Blindenreportage anbietet, sind mehr als erfreulich.

Leider hat der FC das Spiel mit 0-1 verlohren. Wir sind sehr gespannt, wie die Stimmung auf der Rückfahrt sein wird. Als wir zum Bus zurückkommen, sind wir fast die letzten. Man hatte uns schon vermisst. Niemand hatte bedacht, dass die Blindenplätze sich nicht im Gästebereich, sondern in einem anderen Block befinden, was dazu führt, dass wir nach dem Spiel mehr Zeit benötigen, um den Bus wieder zu erreichen.

Wir fahren los und stehen erst einmal lange im Stau. Als der Bus aber richtig Fahrt aufnimmt, steigt auch wieder die Stimmung. Trotz der Niederlage wird sich wieder unterhalten und es werden Fan- und Karnevalslieder gesungen.

Als zwischen Koblenz und Köln zum ich weiß nicht wievielten Mal Helene singt, wobei Bernds Sohn Lukas dies auch immer wieder fleißig einfordert, kommt plötzlich ein Mann von hinten und fordert mich zum Tanzen auf. Auch Regijna wird aufgefordert. Lukas hat vermutlich reichlich Fotos geschossen und auch ein Video aufgenommen.

Als wir gegen 0 Uhr in das nächtlich beleuchtete Köln einfahren, und der Busfahrer das Lied „Stääne“ der Klüngelköpp spielt, das eines der ruhigsten aber doch stimmungsvollsten kölschen Lieder ist, werden sogar die lautesten Mitfahrer ruhiger und beinahe andächtig. Am Bahnhof steigen die Meisten aus und wir verabschieden uns von Bernd und Lukas. Unsere Bahn haben wir um 2 Minuten verpasst. Nun also zum Stadion und mit dem Taxi nach Hause.

Der Busfahrer winkt direkt ab. Da er ohnehin nach Hürth fährt, kann er uns in der Nähe unserer Wohnung absetzen. Nebenbei freuen sich darüber noch 3 weitere Fans, die ebenfalls in Hürth wohnen. Das beruhigt uns, denn so sind es nicht wir allein, die eine Extrawurst gebraten bekommen. Die nächste Fahrt wird uns nach Augsburg führen und wir sind schon sehr gespannt, wen wir im Bus, abgesehen von Bernd, wieder treffen werden. Köln hat den Ruf, eine sehr tolerante Stadt zu sein. Dies kommt uns vermutlich zu Gute und ist einer der Gründe, warum wir allmählich Schritt für Schritt ein Teil der großen Gemeinschaft der Fans des 1. FC Köln werden.

Nina Schweppe

Zurück