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Heimspiel

von Sir Gerhard

Da ich von meinen Erlebnissen bei Auswärtsspielen geschrieben habe, hole ich das Versäumte nach und berichte hier von den Ereignissen, die ich bei Heimspielen erlebt habe. Weil ich weitaus mehr zu diesen Spielen fahre, sind die geschilderten Erlebnisse reichlich an der Zahl.

Mit meinen Fahrten nach Leverkusen habe ich es so geregelt, dass ich in Leverkusen Mitte von meinem Begleiter vor dem Bahnhof am Taxistand abgeholt werde, da die Polizei dort ihren Beobachtungsposten bezieht. Nach dem Spiel geht es zurück zum Bahnsteig, d.h. die Fahrten zwischen Hürth und Leverkusen muss ich alleine bewältigen. Ich verlasse mein gastliches Heim gewöhnlich um 12.30 Uhr um in den Bus zu steigen, der mich zur Straßenbahn bringt. Die Bahnfahrt läuft bis zu einem Haltepunkt ruhig, dann geht’s nicht weiter. Plötzlich gibt es folgende Durchsage in breitem Kölsch: „Wegen angewurzelter Biomasse in den Eingängen ist eine Weiterfahrt dieses Zuges nicht möglich.“ Die Türen schließen sich schon nach ungefähr 5 Minuten und es geht weiter. Am Kölner HBF angekommen, höre ich Gegröhle quer durch den Bahnhof. einige Gästefans machen sich Mut, weil ja jeder weiß, dass es in Leverkusen nichts zu holen gibt. Der Zug fährt auf Gleis 4 ab, leider ist dies ein Bahnsteig der durch die verwinkelte Treppe nicht leicht aufzufinden ist.  Kurz vor Gleis 4 ist ein Wurststand, an dem ich mir eine Bockwurst genehmigen möchte, ich stelle mich abseits und erhalte einen Rippenstoß, da das sichtbare Shirt von Bayer dafür ausschlaggebend ist. Als ich fertig bin, zieht eine Gruppe singender Fans an mir vorbei und macht den „Wegweiser“. Vor der Treppe werde ich jedoch von einer Polizistin angehalten, die mich bittet, den nächsten Zug zu nehmen, da viele Fußballfans auf dem Bahnsteig sind und nach Leverkusen wollen. Ich teile ihr mit, dass ich auch zum Spiel möchte und erhalte von ihr einen so gewaltigen Stoß, dass ich die ersten 10 Stufen wie im flug nehme. Als ich in den Zug steigen will merke ich, dass der eingang verstopft ist. Ich bahne mir einen Weg. „Du Schweinepanzer“ Schreit mir einer nach Bier und Döner duftender Mensch ins Ohr. Ich gelange in den Wagen und kann mir einen der 50 freien Sitzplätze aussuchen. In Leverkusen angekommen scheinen einige Silvester zu feiern. Es knallt an allen Ecken und Enden. rund um den Bahnhof ertönen Martinshörner. Der Sonderzug aus Nirgendwo mit ca. 2000  Schlachtenbummlern des Gastvereins ist gleichzeittig mit mir am Großbahnhof Leverkusen angekommen. Ich erfahre, dass gerade eine NPD-demo mit der obligatorischen Gegendemo am Bahnhof stattfindet. Passt wie Arsch auf Eimer und ich alleine auf mich selbst gestellt mittendrin, statt nur dabei. Ich gehe auf Seite, um alle an mir vorbei zu lassen. Da lobe ich mir die engländer. Als ich mit denen ankam bildeten die eine Polonese und wir stampften hoch erhobenen Hauptes auf dem engen Bahnsteig 1 aneinander vorbei. Der letzte der Reihe von 150 Fans sprang mir hinterher und sagte „You are A tough Guy, you must work very hard, unfortunately we can’t drink A beer. Dem Polizisten am anderen Ende des Bahnsteig hat das keinesfalls gefallen, er schrie mich so laut an, dass ich ihm ein Ricola zur Versöhnung reichte. „Take it easy, altes Haus“, sagte ich. Leider hatte dieser Gentleman keinen Humor und ich ging meiner Wege. Heute sind keine Engländer da und so muss ich warten bis sich der Bahnsteig leert. Hinter mir fahren einige Güterzüge durch den Bahnhof und so merke ich nicht, dass ein paar Blödmannsgehilfen direkt auf dem Bahnhofsvorplatz neben der Polizei sich in die Wolle kriegen und mit Flaschen werfen. Unten angekommen werde ich vorne am Kragen gepackt und gegen die Wand geworfen. Ich werde kurz bewußtlos. Ein Polizist hilft mir auf und entschuldigt sich mindestens 1000 mal, aber was hätte er machen sollen??? Er kann nicht sagen: „passen Sie auf, da kommt eine Flasche geflogen“. Ich antworte, dass beim Hobeln Spähne fliegen und wir lachen dreckig. Wir geben uns die Hand und die Sache hat sich erledigt. Mein Begleiter kommt und klopft mir die Jacke ab. Er hat von der nah gelegen Pommesbude einen Cheeseburger für mich gekauft, den kann ich jetzt wunderbar gebrauchen. Ich esse ihn. Einem Übeltäter gelingt es, zu fliehen. Leider sucht er sich für sein Versteck einen Polizeiwagen aus. Er wirft sich drunter, die Polizisten zerren links und rechts an ihm herum und so ist der Flüchtling von der Staatsmacht hin- und hergerissen. Bei Fußballspielen werden die beiden Fangruppen am Bahnhof voneinander getrennt, wobei die Dhün als Trennungslinie genutzt wird. Kurz vor dem Stadion ist eine Brücke, die wir überqueren müssen, da die Blindentribüne direkt neben dem Gästeblock ist. An der Brücke angekommen werden wir von der Polizei aufgefordert stehen zu bleiben. Auf der anderen Seite des Flusses haben sich 50 Leverkusener postiert und provozieren die Gruppe aus dem Zug, die unter Polizeiführung zum Stadion geht. Die auswärtigen Fans gehen mit dem Ruf „Lutscher! Lutscher!“ durch eine Polizeikette von den Leverkusenern getrennt zu ihrem Block. Wir gehen im Abstand von 50 Metern hinter her. Am Stadion helfen die Ordner vorbildlich am Drehkreuz. die Verkäufer an der Wurstbude rufen mir ein fröhliches „Hallo“ entgegen und fragen „Darf es wieder ein Hähnchenschnitzel sein?“. Klar, auch das muss hinein und eine Cola (kein RiCola). Das Spiel wird tadellos geschildert. Am Anfang der zweiten Halbzeit wankt ein stark angetrunkenener Fan durch die Reihen von seiner Curry-Wurst gibt er fast jedem in der Reihe eine runde Curry-Ketchup aus. Einige sind damit nicht einverstanden und schreien ihn an, er nimmts „Cool“ wie er sagt und wankt weiter. Diesmal habe ich Glück gehabt und gehöre nicht zu den Auserwählten. endlich fällt das Tor für Leverkusen. Ich springe auf, um zu jubeln. Plötzlich kann ich den Reporter nicht mehr hören, ist auch egal, der freut sich auch. Als ich mich setze und sich der Jubel gelegt hat, vermisse ich immer noch die Schilderung, ich höre vom Nebenmann, dass die Reportage fortgeführt wird und höre immer noch nichts. Also ist bestimmt der Kopfhörer aus der Leiste gerutsch. Ich sehe nach und muss feststellen, dass er eingesteckt ist. Jetzt fahre ich mit den Fingern am Kabel entlang und muss zu meinem Schrecken bemerken, dass es gerissen ist, ist mir noch nie passiert. Also muss ein neuer her. Der Reporter lacht und „takt it easy“. Nach dem Spiel gehen wir zum Bahnhof. An der Brücke (siehe oben) steht ein Polizeiwagen quer über den Weg und versperrt den Übergang. Die Polizisten gestikulieren nur, was sie damit meinen, weiß niemand. Einige dürfen passieren und die Brücke überqueren, andere nicht, eine absolut unübersichtliche Situation. Wir müssen nach polizeilicher Anordnung unter den überwiegend auswärtigen Fans den längeren Weg zum Bahnhof fortsetzen. Die Stimmung ist angespannt. Wir werden verbal agressiv angegangen. Wenn blinde Menschen mit einem Begleiter gehen, legen sie die Hand um den Ellbogen und lassen den Begleiter einen Schritt vorgehen. So mache ich das auch. Plötzlich haut mir ein gegnerischer Fan auf die Schulter und schreit mir ins Ohr „Du schwule Sau“! Jetzt reicht es einem Leverkusener. Das schmächtige Kerlchen baut sich vor ihm auf uns sagt: „Du siehst doch, dass der Mann blind ist. Lass in in Ruhe oder  Du hast dritte Halbzeit“. Obwohl es einige Grad unter Null ist, wird mir heiß. Glücklicherweise ist Schweigen die Antwort. Auf dem Bahnsteig versammeln sich sehr viele Fans, die nach Köln wollen und so kommt es bei den Türen zu kleinen Auseinandersetzungen. Im Zug erfahre ich, dass er aufgrund der Verspätung zurück nach Essen fährt und werde wegen meines leverkusener Shirt mehr oder weniger höflich aufgefordert, den Zug zu verlassen. Normalerweise komme ich einer solchen „Bitte“ nicht nach, aber hier handelt es sich um gewaltbereite Fans und ich finde keine Unterstützung. Einer gegen alle, ist einer zuviel. Als ich draußen bin, teilt man mir mit, dass die Fahrgäste und ich einem üblen Irttum zum Opfer gefallen sind und der Zug nach Köln fährt. Zuspät, die Türen schließen sich und der Zug fährt unter lautem Protestgeblöke der „Insassen“ nach Köln. Ich nehme den nächsten Zug und stelle mich bei Seite. In Köln Stürmen die Leute ohne Rücksicht auf Verluste auf die Bahnsteigtreppe zu. Schade, wieder keine Engländer, die hatten immer beim Ein- bzw. Aussteigen die eigene Disziplin. Hier zwei Beispiele: Als Leverkusen am 30.04.2002 gegen Manchester United spielte, hatten sich englische Holligans mit den Kölnern am Altermarkt zur Schlägerei verabredet. Die waren mit mir in der S-Bahn und als wir in Köln ankamen sagte einer zu mir „we are sorry, we can’t lead you out, we have an appoitment with some fucking german Hooligans at Oldermarkt“. Ich zog es vor, am Breslauer Platz, dem Hinterausgang des Bahnhofs, die Straßenbahn zu nehmen. Bei der zweiten Begebenheit versperrten Polizisten am kölner Bahnhof die Treppe und gaben mir auf die zwanzig mal gestellte Frage, was ich machen sollte keine Antwort. Ich wußte nicht, wie ich herunter gehen sollte. Da haute ein liverpooler Fan seine Pranke auf meine Schulter und sagte „Come on, I help you“. Aber wie schon gesagt, engländer sind nicht überall und ich gehe nun den stoßenden und puffenden „Bahnkunden“ hinterher, in die U-Bahn und nach Hause. War doch ein schöner Tag, oder?

Zum Abschluss eine kleine Anekdote: Als Leverkusen im Jahr 2009 von Januar bis Mai seine Heimspiele in Düsseldorf austragen musste, fuhr ich mit meiner Begleiterin zum Freitagabendspiel. Als wir in Düsseldorf ankamen, bemerkte ich gleich, dass etwas nicht stimmt. Und dann hatten wir die Bescherung. Eine Straßenbahn ist in Brannd geraten und die Düsseldorfer Verkehrsbetriebe musste sehr kurzfristig von Bahn auf Bus umstellen. Als wir glücklich im Bus waren sagte die Begleiterin zu mir „junge, junge, Herr Stoll. Wenn ich mit Ihnen fahre, ist immer etwas los. Entweder kommen wir in so schöne wilde Schlägereien oder es brennt die Bahn.“ Alle haben laut gelacht und nach meiner Adresse gefragt, damit sie zukünftig keine Langeweile mehr haben.

Sir Gerhard

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