Zugfahrt

von Sir Gerhard

Da einige aus unserem Personenkreis mit dem Fußballsonderzug des Vereins ihres Vertrauens zum Auswärtsspiel gefahren sind, hier mein Erfahrungsbericht mit den Fans von Bayer 04 Leverkusen.

Als die Blindentribüne von Bayer 04 Leverkusen eröffnet wurde, hatten einige meiner Freunde den Wunsch, sich das Ganze – auch zum regulären Preis - anzusehen. Sie wollten die Karten bezahlen. Ich machte aber das Angebot, das Eintrittsgeld zurückzuzahlen, wenn es nicht gefällt. Letzteres war nicht nötig, die sind sogar dem Bayerclub beigetreten kauften Jahreskarten, weil es in Leverkusen angenehm ist.

Aufgrund dessen hatte auch ich Kontakt zur Fankurve von Bayer und knüpfte lockeren Kontakt mit einem Fanclub, der mir anbot, mich bei einem Auswärtsspiel mitzunehmen. Voraussetzung hierfür war, die traute Umgebung der Blindentribüne zu verlassen und sich in die Kurve zu stellen. Gesagt getan und dem schönen Tag stand nichts mehr im Wege.

Ich habe Auswärtssfahrten nach Dortmund, Bochum, Mönchengladbach und Schalke mitgemacht und hier der Bericht.

Gegen Mittag fahre ich nach Leverkusen und werde direkt an der S-Bahntür abgeholt da es sehr voll ist. Wir trinken ein Bier und sprechen über vergangene Zeiten bzw. geben Anekdoten zum Besten. 10 Minuten vor Abfahrt betreten wir den Bahnsteig und müssen an eine Reihe Polizisten vorbei, die uns mit einer Videokamera filmen. Wir gehen ganz nach vorne und können so nach Einfahrt des Zuges durch Püffe zusammenhängende Sitzplätze einnehmen. Es sind Holzbänke und einer teilt mir mit, dass dies ein sehr alter Zug sei, weil zu befürchten ist, dass die Deutsche Bahn den Zug nicht so wieder bekommt wie sie ihn zur Verfügung gestellt hat. Wir sitzen in einem Großraumwagen, in dem sich viele gut (bier)gelaunte Fans einfinden. Es ist der zweite Advent und dies führt dazu, dass wir auf der Hinfahrt fromme gottesfürchterliche Lieder gröhlen bzw bekannte vulgäre Gassenhauer singen z. B.: „Danke für meine Arbeitsstelle, Danke für diesen schönen Tag, Danke, dass ich alle meine Sorgen auf Dich werfen mag“ gefolgt von „Ole, wir fahren in Puff nach Barcelona“. Mich erstaunt wie Textsicher diese von alle vorgetragen werden. Nicht so, wie allgemein belächelt, die ersten 2 Sätze und dann immer leiser, nein, hier wird der Pegel beibehalten. Wir singen nicht schön, aber laut. Inbrunst ist alles.  Einige Polizisten rümpfen die Nase, zwischendurch werden altbewährte schmutzige Lieder über „Sülz 07“ gesungen. So vergeht die Zeit schnell und als wir den Bahnhof des gastgebenden Vereins erreichen, erfahre ich, was es heißt, in einer Gemeinschaft zu sein. Als wir den Zug verlassen stimmt jemand ein Lied an und ALLE (schätzungsweise 2000 Fans) singen mit. In der Gruppe macht sich das Gefühl breit, dass wir GEMEINSAM zum Stadion gehen, um zu siegen (vergleiche Nick Hornby, Fever pitch). Wir gehen durch enge Straßen und plötzlich werden wir zurückgedrängt. Einige volle Flaschen werden aus einem Fenster auf die Straße geworfen. Ich stehe als erster hinter den Polizisten und bekomme das alles hautnah mit. Ich frage, wie es weitergeht und ein Polizist sagt, „abwarten, irgendwann wird auch der vollste Kasten leer“. So geschieht es und wir können unseren Weg fortsetzen. Kurz vor dem Stadion kommen wir an einer Kneipe vorbei und werden unsanft weitergedrängt, aus der Tür fliegen Gläser und die Polizei reagiert unwirsch auf diese Attacke. Am Stadion werden wir abgetastet und der Ordner fragt mich, ob ich mit meinem Blindenstock Bayer den Weg zeigen will, Umstehende reagieren gereizt auf diese (dumme) Bemerkung. Alle strömen in den Block und wir gönnen uns eine Wurst. Dann geht es in den Stehplatzbereich. Was ich jetzt erlebe, ist typisch Leverkusen! Ich gehe durch die Reihen und viele klopfen mir auf die Schulter und sagen „auch wieder mit dabei?! Geh nach vorne, dort hast Du wenigstens eine akustische Vorstellung vom Spiel. Unten angekommen stelle ich mich vor einen Wellenbrecher. früher war in der Kurve auch manches besser. Damals stimmte der Lauteste ein Lied an und alle sangen mit. Heute steht jemand auf einem Podest mit einem Megaphon und einer Trommel und macht den Caller. Alle machen mit. Ich fühle mich prächtig, wirklich: 3 Meter größer. Ich singe, klatsche und hüpfe mit. Was auf dem Spielfeld geschieht, Scheißegal. Wozu hat man Sky? Mitte der ersten Halbzeit werden wir durch den Nebenblock von Heimfans provoziert, in welcher Weise weiß ich nicht, viele Fans springen gegen die Plexiglasscheibe. Ich nehme den Agressivsten in den Schwitzkasten und sage ihm „Du bist ein vernünftiger Junge, Du siehst ein, dass es sinnlos ist, denn in diesem Stadion können Videokameras jeden Meter sehen und dann darfst Du nicht nach Hause zu Papa und Mama, anschließend kriegst Du bundesweites Stadionverbot“. Ich mache das nicht aus Nächstenliebe, sondern aus reinem Egoismus. Ich selber würde in Mitleidenschaft gezogen, wenn es zur Sache geht. Die Polizei kommt und ich lasse ihn los. 10 Minuten später sagt einer, dass im Nebenblock auch Hools von Bayer sitzen, die haben ihm gesimst, dass die sofort losschlagen, wenn die Heimfans sich noch einmal falsch rühren. Die sind also Deeskaliert. Nach dem Spiel gehen wir zum Bahnhof. Im Gegensatz zur Hinfahrt verläuft diese außerordentlich ruhig. Jeder hat wohl sein Pulver verschossen und so erreichen wir Leverkusen. Als wir vor dem Bahnhof stehen, kommt der Fan zu mir, den ich in den Schwitzkasten nahm und bedankt sich. Nach seinen Worten war er so aggressiv, dass er am liebsten über die Scheibe gesprungen wäre. So will er nie mehr ins Stadion gehen.

Sir Gerhard

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